Gemeindebrief

Gemeindebrief Dezember 2025 bis Februar 2026

Andacht über ein Foto (aus dem Gemeindebrief Dezember/Januar/Februar)

Liebe Leser*Innen,

ein Kind aus Terrakotta liegt in der Krippe; winzig, kaum zwei Daumen breit. Es lächelt, der Kopf ist leicht geneigt. Die kleinen Hände ruhen geöffnet auf dem Bauch; ein Bild des Friedens. So stellen viele sich das Jesulein in der Krippe vor.
Verwirrend sind die vielen alten Fotoapparate drum herum. Manche glänzen noch wie frisch geputzt, andere tragen Patina, den Staub von Jahrzehnten. Ihre Objektive sind allesamt ausgerichtet auf das kleine Kind – so, als wäre da ein Promi von heute, der sich in seinem Ruhm sonnen will.
Ein eigenwilliges, aber ehrliches Bild von Weihnachten. Wir leben doch in einer Welt der Bilder, der Filter, der glatten Oberflächen. Schönheit muss inszeniert, festgehalten werden. Wir fotografiere das Leben, statt es zu leben. Und inmitten all des schönen Scheins: ein Kind. Nicht perfekt gegossen, sondern handgefertigt, mit kleinen Unregelmäßigkeiten. Terrakotta eben – gebrannt, aber nicht glänzend. Unverkennbar menschlich.

Damals in Betlehem waren keine Fotografen dabei, keine Reporter, die sofort alles in die Welt hinausgeschickt haben. Weihnachten war keine Glanzveranstaltung, sondern für den Himmel zunächst eine Zumutung. Gott geht „all-in“: kein goldenes Licht, kein Showeffekt, keine Präsidenten an seiner Seite, sondern: Windeln, Stroh, Kälte, Körpergeruch von Stalltieren und verdächtigen Hirten. Gott mutet sich was zu: den Weg in die Tiefe, hinab zu den menschlichen Abgründen. Jesus ist als Erwachsener immer wieder dorthin gegangen, wo es dunkel war, wo Menschen gelitten haben unter Ausgrenzung, Krankheit, Hunger. Ja, manche Menschen haben ihm zugejubelt, bei seinem Einzug in Jerusalem.

Aber wir wissen ja: die Begeisterung hielt nur kurz. Fünf Tage später wurde er gekreuzigt.
Eigentlich kann man das Wunder von Weihnachten nicht knipsen. Es entzieht sich jeder Linse, jedem Hashtag. Wer es sehen und begreifen will, muss die Perspektive wechseln: runter auf Krippenhöhe, auf Augenhöhe mit dem Kind. Er muss sich klein machen, verletzlich, ehrlich zu den eigenen Schwächen stehen. Wer so schaut, erkennt im Jesuskind nicht nur das süße Baby, sondern vorausschauend auch den Mann, der wirklich Großes für uns Menschen erreichen wird: die Aussöhnung mit Gott, die Vergebung unserer Schuld.
Das ist das wahre Wunder von Weihnachten: dass Gott sich nicht majestätisch über uns erhebt, sondern zu uns herabkommt. Nicht, um uns mit seinem Glanz zu beeindrucken, sondern um mit uns gemeinsam zu leben: zu weinen und zu lachen, zu lieben und zu leiden. Im Jesuskind begegnet uns keine Majestät, die auf Abstand bedacht ist, sondern eine Nähe, die uns verwandeln will. Eine zärtliche Macht, die nicht zwingt, sondern einlädt.

Wer weiß: vielleicht haben diese alten Kameras, nachdem sie so oft nur die vermeintlichen Promis, Stars und Sternchen, abgelichtet haben, endlich mal das richtige Motiv gefunden...

Es grüßt Sie Pastor Rothkirch